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Reisebericht 1. Etappe

 
 
"La Chambre am Fuß des gefürchteten Col de la Madeleine oder doch le Bourg d´Oisans?" Als ich am frühen Morgen vom Col de la Croix Fry nach Annecy hinunterrollte, waren Gedankenspiele zum Zielort der Etappe erst einmal wie weggeblasen. Am nordwestlichen Ufer des Lac d´Annecy glänzten mir dann aber nicht nur die ersten wärmenden Sonnenstrahlen entgegen, auch die Frage des Tagesziels holte mich wieder ein. "Direkt über den Col de Leschaux (dann aber auch heute noch nach le Bourg d´Oisans) oder gleich mal damit anfangen einen attraktiven Schlenker einzubauen (und es dann nur bis la Chambre zu schaffen)". Noch bevor mein Kopf die Fürs und die Widers ein weiteres Mal in Gang setzen konnte, hatte ich bereits meinem Bauch nachgegeben und nach dem Weg zum Crêt de Chatillon gefragt. "Avec le velo?" "Si, si, Madame." "Bonne route!"

Auf einem Sträßchen, das steiler trassiert war, als ich es mir vorgestellt hatte, gewinne ich auf bewaldeten, engen Kehren schnell Höhe. An der ersten freien Stelle fällt der Blick ins Tal. "Mensch! Annecy, schon da unten?! Da bin ich doch gerade noch gewesen."

Daraufhin setzt sich dann aber doch der Kopf durch. Selbst wenn es heute auch nur nach la Chambre geht: Erstmal checken, ob der Motor in Anbetracht des anvisierten Tagespensums, des ungewohnten Rucksacks auf dem Rücken und der unnachgiebig zwischen 11 und 13 % schwankenden Steigung nicht zu heiß läuft. Ergebnis: "Die zweiten 600 Höhenmeter erst mal mit gebremstem Schaum weiter." Oben auf dem Crêt: Ein Hochplateau, das so unschuldig daliegt, wie vor einer guten Stunde der popoglatte Lac d´Annecy. Die Aufnahmeprüfung ist geschafft. "Richtung Isère-Tal kann es erst mal nur lockerer werden, auch wenn da noch der Col du Frêne dazwischen liegt."

Während der An- und Auffahrt zum Col du Frêne lasse ich den Kopf die nächste Entscheidung vorbereiten und schließlich auch fällen. "Wenn ich heute nur bis la Chambre fahre, dann nehme ich hinter dem Col du Frêne nicht die Strecke entlang des Isère- bzw. Arc-Tals, sondern gehe nochmal durchs Gelände." Gesagt getan. Nach Querung von Isère und unwirtlichen Industrieansiedlungen gabs dann auch gleich einen ersten Vorgeschmack auf das was mich als Nächstes erwartete. Heftiger Anstieg auf schmaler aber guter Straße hinauf nach Chateauneuf. Von dort kurze Abfahrt nach Chamoux-sur-Gelon und dann endgültig hinein in den Berg - Belastbarkeit taxieren, Rhythmus finden, dann Gedanken schweifen, Bilder und Eindrücke wirken lassen. Mehr als 1.000 Höhenmeter lang.

Auf dem Weg zum Col du Grand Cucheron fühle ich mich wie im siebten Himmel, la Chambre im Arc-Tal kommt mit Riesenschritten näher. Ein Blick auf die Uhr ... und die Aufgabe die sich im Kopf zusammenbraut, droht weniger einfach lösbar zu werden, als die Auffahrt zum Grand Cucheron. Zumal der Bauch gerade richtig Spaß gefunden hat.

"Es ist zwar schon Nachmittag, aber jetzt schon die Etappe beenden? Wenn ich morgen früh in le Bourg d´Oisans aufwachen würde, könnte ich mich in aller Ruhe den dort wartenden Aufgaben widmen." Andererseits ist mir klar, dass la Chambre im Arc-Tal und le Bourg d´Oisans drüben an der Romanche nicht nur viele Höhenmeter, sondern auch nocheinmal mehr als sechzig Kilometer trennen. Auf jeden Fall würde die Nacht hereinbrechen, bis ich eine Unterkunft und ein kohlenhydratreiches Abendessen suchen kann.

Als ich mich mit diesen Gedanken anfreundete, befand ich mich bereits auf den ersten Kilometern zu dem Pass, den ich von dieser Seite zuvor noch nicht kennengelernt hatte. Und ich sollte ihn kennenlernen. Kaum Kehren, kilometerlang 11% Steigung, in meiner Erinnerung findet sich kein einziger flacher Abschntt. Meine Verpflegungsreserven sind aufgezehrt. Und dann die Verschärfung im vier Kilometer langen Schlussanstieg: 14 %. Ich greife zurück und will es kaum glauben: Tatsächlich finde ich noch zwei Carbogel-Tütchen im Rucksack-Seitenfach. Langsam, ganz dosiert versuche ich mir das Gel einzuverleiben, umsonst. Körper und Geist wollen gleich alles und zwar sofort. Ein paar hundert Wiegetritte später begrüßt mich das Passschild. Gutes Gefühl. So gut, dass ich spontan entscheide auch noch die paar Kilometer zum Col de la Croix de Fer hochzufahren. Die Straße dorthin liegt in abendlichem Sonnenlicht und das zieht mich förmlich nach oben.

Eine Stunde später und knapp vierzig Kilometer weiter fahre ich nach le Bourg d´Oisans hinein. Seit etwa einer halben Stunde ist es hier unten stockdunkel. Unbändiger Appetit hat sich schon auf den letzten Kilometern breit gemacht. Ein Tankstellenshop bietet die Chance zur dringend notwendigen Erstversorgung. Danach suche ich schnell eine Unterkunft. Minuten später treffe ich mich mit einem Engländer, den ich an der Tankstelle getroffen hatte, zum Abendessen.