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"Nach dem herausfordernden Programm vom Vortag, kann ich es heute etwas ruhiger angehen lassen." Zumindest geht mir das durch den Kopf, als ich nach einer Tiefschlaf-Nacht über die heutige Tagesordnung nachdenke. Im Supermarkt nebenan und in der Bäckerei am Eingang zur Fußgängerzone decke ich meinen Frühstücksbedarf: Croissants, Pain au chocolat, Marmelade, Bananen, Joghurt, Tomaten, Pizza, Fruchtsaft, Mineralwasser. Damit kann das im Hotel angebotene ´petit dejeuner´ weder qualitativ noch quantitativ mithalten. Dann kann ich es aber doch nicht länger aushalten. Alpe-d´Huez lockt. Und als ich von der Talstraße auf die berüchtigte, radsportfinale Rampe abbiege, verfestigt sich ein gerade noch eher flüchtiger Gedanke zum Vorsatz: "Hau mal raus, was du drauf hast!" Entspannen - kann ich ja noch den Rest des Tages. Ein paar hundert Meter noch flach und dann gehts mit 14 % auch gleich richtig nach oben. Mir ist klar, dass ich die ersten Kilometer nicht nur mit dem Klettern zu tun haben werde. Noch viel mehr wollen erstmal die Beine freigefahren werden. Zum Glück weiß man, warum es wehtut und dass es in absehbarer Zeit besser wird. Als es dann besser wird, nehme ich dies wohlwollend zur Kenntnis (offensichtlich ist alles in Ordnung) und entschließe mich kurz darauf, die gerade freigewordenen Leidenskapazitäten in mehr Vortrieb zu investieren. Im Bereich von 1.150 Höhenmeter/Stunde finde ich eine Belastungsstufe die ich hier und heute nach oben bringen kann. Im traditionellen Bergankunft-Zielbereich am oberen Ende von Alpe-d´Huez angekommen, versuche ich das was ich da gerade hingelegt habe, einzuordnen. Unglaublich, welche Visitenkarten die Profis an diesem Berg verteilen. Trotzdem bin ich mit dem Spaß, den ich mir gerade erlaubt habe, ganz zufrieden. Ich fahre in östlicher Richtung auf 1.680 m hinab und nähere mich ohne es zu wissen einem landschaftlichen Leckerbissen. Schon die Auffahrt zum Col de Sarenne ist ein Erlebnis. Nachdem die Passhöhe hinter mir liegt, eröffnen sich dann gleich in mehrere Richtungen Bilderbuchblicke. Außerdem kann man hier noch erahnen wie Pässe vor 30 oder 40 Jahren ausgesehen haben. Während der Abfahrt merke ich erst, dass hier ein echtes Prachtstück für Pässesammler schlummert. Beim nächsten Mal gehts an dieser Ostflanke rauf auf den Col de Sarenne! Auf dem Weg nach Les Deux Alpes frage ich mich in Anbetracht der Rückmeldungen aus meinen Beinen, ob es wirklich sein musste, Alpe-d´Huez so hochzuschieben. Als ich mir klar mache, dass das jetzt sowieso nicht mehr zu ändern ist, wird mir bewusst, schon wieder am oberen Rand des gemütlichen Radfahrens unterwegs zu sein. Zum Glück kann man daran noch etwas ändern. Zurück in le Bourg d´Oisans hole ich im Hotel den dort deponierten Rucksack ab und trete anschliessend durch ein schönes, ruhiges Kerbtal zum Col d´Ornan hinauf. Immer wieder gehen mir die Bilder von Alpe-d´Huez und dem Col de Sarenne durch den Kopf. Erst als ich unter blauem Himmel in les Angelas ankomme und sich das kleine, heftige Sträßchen zum Col de Parque Tout vor mir auftut ist erstmal nichts mehr mit Erinnerungen. Bei einer Steigung, die, ohne auch nur einmal nachzulassen, zwischen 13 und 14 % zu bieten hat, liegt es näher, sich mit dem Hier und Jetzt zu beschäftigen. Das Sträßchen über den Col de l´Holme und die anschließende Strecke nach Corps eignen sich angesichts des einzigartigen Panoramas gut zur Vorbereitung auf den verdienten Feierabend. Als sich dann auch noch herausstellt, dass es sich bei dem heutigen Etappenort um ein quicklebendiges Bergdörfchen handelt, sind keine Wünsche mehr offen. |