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Reisebericht 1. Etappe

 
 

Am Vormittag in der Provence, hatte das gutgelaunte Wetter bereits die mentale Einstimmung auf mein Programm der nächsten Tage zugelassen: freier Blick auf den Mont Ventoux! Um 16:30 Uhr verabschiede ich mich von den Bustouristen, mit denen ich gestern abend um 22:00 Uhr in Darmstadt die Reise in die Pyrenäen angetreten habe. In einer Woche werden wir uns oben in Andorra wiedersehen - wenn die Pläne aufgehen.

Nun stehe ich hier bei strahlendem Sonnenschein und 32 °C im Ariège-Tal. Es wird mir unweigerlich bewusst, dass das Abenteuer ´Pyrenäen-Pass-Legenden´ nun in Fahrt kommt, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Startort ist aber so gewählt, dass ich nicht lange Zeit habe, noch irgendetwas Zweit-rangigem gedanklich nachzuhängen. Am Fuß der Auftakt-Herausforderung, in Les Cabannes ver-suche ich noch Sitzcreme oder etwas Vergleichbares zu erstehen. Alles was mir da so angeboten wird „contre les irritations de peau“ überzeugt mich aber nicht wirklich. Nicht zu glauben, dass das Päckchen in dem sich die Creme, die Sonnenbrille, die Waschpaste und die Radmütze befanden, wie vom Erdboden verschluckt, verschwunden ist.

Da hilft nur noch, schnell einen positiven Reiz setzen. Nach den ersten 50 Höhenmetern deponiere ich den Rucksack hinter einem Felsen in der ersten Kehre und nun geht es so richtig los: Das Pla-teau de Beille, das Alpe d´Huez der Pyrenäen, ruft. Ich merke, dass ich eigentlich über meine Kräfteverhältnisse lebe, aber damit habe ich ja schon die eine oder andere Erfahrung. Und irgendwie hat es noch immer hingehauen.

Anfeuerungen von „Betreuern“ anderer Mitstreiter und die Schriftzüge auf dem heißen Asphalt, die noch davon zeugen, dass hier vor wenigen Wochen die Tour de France einen vorläufigen Höhepunkt erlebte, lassen mich am Rande meiner Kräfte und dennoch mit einem seltenen Wohgefühl, im
Spätnachmittaglicht diesen Berg hinaufstrampeln. Oben angekommen, gönne ich mir ein paar Minuten um mich mit der „Welt“, in der ich mich die nächsten Tage bewegen werde, mit einem Hochgefühle verleihenden Rundumblick schon mal etwas vertrauter zu machen.

Auf dem Weg nach Tarascon habe ich Zeit, ein wenig dem gerade erlebten Nachzuhängen. Den Tour-de-France-Seriensieger scheinen die Südfranzosen, vielleicht auch Spanier, wohl kaum zu mögen. Zu oft war auf den vielen Kehren hinauf aufs Plateau von „EPO-Armstrong“ zu lesen. Was sich wohl Mayo oder auch Sastre in Anbetracht der ihnen gewidmeten Aufschriften gedacht haben, wo sie den Erwartungen ihrer Fans doch so wenig gerecht werden konnten?

Zum Glück erwartet von mir nur einer etwas: ich selbst. Vor allem, dass ich es heute noch bis Massat schaffe, nachdem ich nun Tarascon Richtung Col de Port hinter mir gelassen habe. Es ist bereits die blaue Stunde (20:00 bis 21:00 Uhr) angebrochen, die Luft wird frischer - tut gut. Oben an der Passhöhe geht ohne Licht nichts mehr - 21:30 Uhr.

Die Abfahrt nach Massat liegt ziemlich im Dunkeln, zum Glück wartet die Straßendecke nur mit wenigen unliebsamen Überraschungen auf. Im nächtlichen Massat finde ich am Marktplatz im Halbdunkel des Laternenlichts das Hotel, das ich mir als ersten Anlaufpunkt für den Fall vorgemerkt hatte, dass ich hier in diesem netten Bergnest, Etappe machen werde. Nun auch noch das: “Nous sommes complet!“ Nichts für schwache Nerven! Am Rande des Örtchens finde ich dann kurz darauf aber doch ein Zimmer. Das ´Trois Seigneur´ kann man durchaus empfehlen. Diesen Tag schließlich auch noch in einer wohligen Badewanne entspannt ausklingen lassen zu können, damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.